Helena Rossner       
B ü c k l i n g e   
u n d   a n d e r e   G e s c h i c h t e n .

Siebdruckarbeiten


Finissage  Sa 15. September 2012   18 - 21 Uhr
mit Livemusik


A u s s t e l l u n g   06.07. - 07.09.2012,
verlängert bis 15.09.



werkschau.galerie

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Mo - Fr nach telef. Vereinbarung
unter 089 - 50 56 10

     
Bücklinge und andere Geschichten   www.helenarossner.de
     

“Das Erbe eines Stereoskopes und zweier Kästen beschrifteter Glasplatten mit stereoskopischen Bildern waren Anlass und Ausgangspunkt einer Reise – nicht nur in die Vergangenheit der eigenen Familie.
Sich diese Bilder alle anzusehen, ist eine Reise in eine andere Zeit, in eine spezifische Gesellschaftsschicht, in Umstände, in bildliche Anekdoten, auch Banalitäten... fern und ungewohnt und doch aufgrund ihres Enstehungszeitraums von 1910 bis Anfang der 30er Jahre nicht fern genug, um fremd zu sein.
Die Stereoskopie macht sich die Funktionsweise des menschlichen Sehens zunutze: Das linke Auge sieht die Welt aus einem leicht anderen Winkel als das rechte. Die Informationen beider Augen werden im Sehzentrum des Gehirns zusammengerechnet zum räumlichen Bild. Werden nun zwei Bilder mit leicht versetztem Aufnahmewinkel aufgenommen und durch ein Stereoskop betrachtet, wirken diese wie eins und vermitteln einen räumlichen Eindruck.
Zwar nur schwarz-weiß, doch sehr plastisch, scheinen Figuren und Hintergrund „zum Greifen nah“ und lebendig. Es ist eine Guckkastenwelt, eine Miniaturbühne, ein fotografisches Abbild, eine Erinnerung. Es ist, wie jedes andere Foto auch, die Konservierung eines Moments und seine gleichzeitige Verwandlung und Verfälschung. (Zum Beispiel wird nun dieser Moment so erinnert, wie auf dem Foto dargestellt.)
Und nicht anders als heute auch, reicht das Spektrum der Bilder vom Schnappschuss über das Erinnerungsfoto bis zum inszenierten Gruppenbild. Doch bei weitem nicht alle erfüllen den Anspruch an ein gutes Bild, nur einige weisen eine ausreichend gute Bildkomposition auf. Und längst nicht alle sind in Inhalt und Aussage so allgemein, dass sie auch für einen neutralen Betrachter interessant sein könnten. Ich habe versucht, die kompositorisch guten und/oder allgemeineren Bilder herauszufiltern. Oder die, die eine Geschichte erzählen. Übrig geblieben sind ca. 30 Bilder.
Die Originalbeschriftung der Glasplatten bleibt dabei in den meisten Fällen als Titel vollständig oder teilweise erhalten und liefert einen Ansatzpunkt der (künstlerischen) Interpretation. So mutet zum Beisspiel „An den Bleilöchern“ an wie „Schatz im Silbersee“, und der Fliege tragende, sonntäglich rudernde Großvater wird zum ostdeutschen Old Shatterhand.
Die stereoskopischen Bilder bestehen aus zwei kleinen (4 x 4 cm pro Halbbild), schwarz-weißen Positiv-Abzügen auf Folie, die wiederum auf Glas aufgebracht ist. Jeweils ein Halbbild wird mithilfe des Siebdrucks auf 80 x 80 cm vergrößert. Der Charakter der Bilder verändert sich dabei ein erstes Mal sowohl durch die Größe, als auch durch den Rasterpunkt, der dem Bild ein siebdruckcharakteristisches Gesicht verleiht. Aus der kleinen, schwarz-weißen Glasplatte wird eine große, schwarz-weiße, rückseitig bedruckte Glasplatte.
In einem zweiten Schritt werden die Bilder in einem additiven Verfahren koloriert: In einem Distanzrahmen werden die Glasplatten vor einem Ink-Jet-Print montiert, der das Motiv farbig hinterlegt. Der wahrgenommene Farbton entsteht erst im Auge durch die Mischung, die sich optisch aus einer Farbe und den sie (in unterschiedlicher Dichte) überlagernden Rasterpunkten ergibt.
Durch den Abstand beider Ebenen kommt es immer wieder zu Unschärfen: Man muss das Bild aus einem bestimmten Winkel betrachten, damit es weitgehend scharf erscheint. Wie das rechte und linke Halbbild zu einem zusammengefügt werden muss, so muss nun das vordere mit dem hinteren Bild deckungsgleich gemacht werden. Zudem ergibt sich durch die Distanz der beiden Bildebenen ein schwer zu definierender Bildraum – als Verweis auf den räumlichen Effekt, den ein Stereoskop hervorzubringen vermag.
Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, unsere Erinnerungsbilder in Farbe zu machen. Heute wird das Schwarz-Weiß-Bild in der nicht professionellen Fotografie zur künstlerisch motivierten Ausnahme oder zum Effekt: Um ein Bild alt wirken zu lassen, wird es in schwarz-weiß gewandelt oder sepiabraun gefärbt. Im Umkehrschluss gilt: Schlicht weil die Gegenwart farbig ist, macht die Farbe ein Bild von zum Beispiel 1910 gegenwärtiger. Jetzt, durch unser subjektives Auge, mit unserem gegenwärtigen Wissen, vor unserem gegenwärtigen Gefühlshintergrund betrachtet und interpretiert, hilft die Farbe, das Jahrhundert zu kaschieren, das zwischen Aufnahmezeitpunkt und Betrachtungszeitpunkt liegt.
Die Kolorierung als Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart verdeutlicht auch: Die Dargestellten sind in zeitlichem und sozialen Kontext nicht weiter von uns entfernt, als es unsere Großmütter und Großväter sind.
Ein Blick auf Vergangenes ist auch ein Blick auf die Gegenwart.

Text: Helena Rossner, 2012