Christoph Scheuerecker         
2 0  J a h r e   a p i c u l t u r a

Jubiläumsausstellung


E r ö f f n u n g   
Mi 23. Mai 2012   19 - 21 Uhr

A u s s t e l l u n g   24.05. - 21.06.2012

F i n i s s a g e   Do 21. Juni 2012   ab 19 Uhr


neue Adresse der Galerie

Schwanthalerstr. 141 Rgb, 80339 München
Öffnungszeiten nach telef. Vereinbarung
unter 089 - 50 56 10

 

 

www.apicultura.de



 

B i e n e n   s i n d   d i e   P o p s t a r s   d e r   Z u k u n f t

Als mir am 23. Mai 1992 abends drei randvolle Bienenstöcke hingestellt wurden, war ich weit davon entfernt, die Bienen darin halten zu können. Sie entflogen mir dauernd aus dem Barackengarten in der Akademie der Bildenden Künste und machten sich auf, den Englischen Garten zu besuchen. Was ich betreibe, ist Bienenhaltung und ich bin jedesmal froh, wenn mir das wieder einen Sommer lang gelungen ist.
Die häufig benutzte, eigentlich umgangssprachliche Bezeichnung „Bienenzüchter“ für den Imker ist in den meisten Fällen ungerechtfertigt. Enoch Zander (er hieß wirklich so) hat in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein fünfbändiges Werk über Bienen herausgegeben. Einige Teile wurden neu bearbeitet. Andere, beispielsweise „Der Bau der Biene“, ein schmaler, aber monumentaler Band über Bienenanatomie, wurden weggelassen und leider nicht wieder aufgelegt. Zander und die nachfolgenden Herausgeber seiner Arbeit erstellten laufend neue Bearbeitungen entsprechend dem erweiterten Kenntnisstand und unterschieden klug die Haltung von der Zucht der Biene. Zander war bezüglich der Bienen ein Sammler und Jäger. Er trug Informationen aus allen Teilen der damaligen Forschung zusammen, und wo es mangelte, erforschte er Neues.
Die Haltung ist schwer zu erlernen. In manchen Jahren scheint der Wurm drin zu stecken und man steht da und schaut dem entfesselten Treiben mit offenem Mund zu. Die Zucht ist für mich völlig undurchschaubar und ich habe ihr den Rücken gekehrt. Schon das Wort stößt mich ab. Es geht darin beispielsweise um Inzuchtreihen, die zur Reinzucht notwendig sind. Zucht wird von manchen Imkern in Kiesgruben hobbymäßig betrieben. Das ist ein großer Unsinn. Andere Imker fahren ihre unbefruchteten Königinnen auf Berge, wo sich sogenannte Belegstellen befinden. Der Wendelstein ist so einer. Dort wird ihnen der Samen reiner Drohnen zur Verfügung gestellt und das kostet ein bisschen was. Man darf an dieser Stelle erröten, denn das ist pure Sexualkunde. Am sichersten für die Königinnen ist die Inselbelegstelle, Langeoog käme da in Frage. Bienen fliegen nicht übers offene Meer und es wäre auch zu weit. Auf Langeoog wird die Carnicabiene, die hierzulande heimische Biene rein gezüchtet. Auch dorthin kann man seine Königinnen schicken. Vor Jahren ging das noch postalisch, ist heute aber verboten, glaube ich.
Schließlich gibt es noch eine ganz abscheuliche Art der Befruchtung armer Bienenköniginnen. Das ist die künstliche Besamung. Die Königin wird fest geschnallt und ein Röhrchen mit ausgesuchtem Drohnensamen wird ihr in den Hinterleib gerammt. Diese Methode wurde in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts häufig angewandt.

Franz Wagner war Rumäniendeutscher und Hausmeister in der Akademie der Bildenden Künste. Er hielt Bienen in einem kleinen Wäldchen nahe der Schleißheimer Flugwerft. Bevor er nach Deutschland gekommen war, hatte er mit seinem Schwiegervater 400 Völker nebenberuflich gehalten. Nachdem ich ihn ewig und drei Tage mit meinen Fragen genervt hatte, drückte er mir das Buch von Zander in die Hand und sagte: „lies!“ „Die Haltung der Biene“ gehört noch immer zur besten praktischen Literatur in diesem Bereich. Nachdem ich das Buch zwei Winter lang vorwärts und rückwärts gelesen hatte, konnte ich es fast auswendig und meine Fragen wurden komplizierter: „Was ist, wenn …, jedoch noch nicht ..., aber trotzdem bereits …?“ Ich glaube, er ging bei mir von einem echten Fall für die Biene aus. Deshalb bekam ich von ihm die ersten drei Bienenstöcke, überstand den grausamen ersten Sommer und erlernte von ihm die Bienenhaltung. Neue Bearbeitungen von Zanders Buch beziehen in erster Linie das Auftreten der Varroamilbe und die klimatischen Veränderungen ein, von deren Existenz und Wirkung Zander, der 1957 gestorben ist, nichts ahnte. Soviel zum Thema Zukunft. Doch was Zander heraus fand und zusammen trug, gilt unverändert.

Während wir uns bezüglich der Biene mit unseren germanischen Wurzeln herumschlagen, mit Imme und Bien, bezeichnen die Italiener die Imkerei geschmeidig als Bienenkultur. Das hielt ich für ausbaubar, da der Kulturbegriff darin so mühelos zum Einsatz kommt. Was ist in diesem Fall Kultur, fragt sich ein Bienenlexikon und gibt sich selbst zur Antwort: Haltung und Pflege. Bienen brauchen Haltung und Pflege, das stimmt. Kultur beinhaltet allerdings viel mehr, das weiß man. Der Kulturbegriff ist so weit, dass man seine Ränder nur unscharf ahnt. Das hoffe ich zumindest. Das übergeordnete Label für meine zum Teil äußerst wirren Aktivitäten auf dem Sektor ist vom ersten Tag an apicultura gewesen. So und nicht anders muss es heißen, dachte ich sofort.
Besondere Spaßvögel fragten mich anlässlich des achtzehnten Geburtstags vor zwei Jahren, ob die Bienen jetzt einen Führerschein machen dürften. Ha ha.
„ Ja“, sagte ich, „aber nur für die Ape.“
Die Ape, wer es nicht weiß, ist ein winziges italienisches Nutzfahrzeug der Firma Piaggio. Auf Fotos schaut sie groß aus, wie ein gewöhnlicher Transporter. Wenn man neben einer Ape steht, fragt man sich, ob es möglich ist, dass ein Fahrzeug so winzig sein kann. Nachdem die Vespa (Wespe) jugendlich knatternd durch die italienischen Dörfer raste, bekamen die Erwachsenen ein dreirädriges Transportgefährt mit einer Sitzbank für eineinhalb Personen über dem Vespamotor und mit einem geraden Lenker. Die kleinste Ape verfügt über ein PS. Da die Ur-Ape eine ovale Sitzkabine, Fenster wie Bienenaugen und einen feinen Steg an der Verbindung zum Hinterleib hatte, nannte man sie logisch Biene. Es gab sie in verschiedensten Ausführungen, die im Lauf der Jahre alle vorstellbaren Unwahrscheinlichkeiten aufboten. Neben der geschlossenen Kabine und der offenen Pritsche wurden beispielsweise hydraulische Kipplaster oder Schwerlaster mit verstärkten Achsen und doppelter Bereifung gebaut. Ein Bild zeigt gar einen kleinen Elefanten, der auf einer Ape steht. Seit einigen Jahren wird sie in Indien gefertigt, habe ich gelesen, und es entstehen, dem Zeitgeist entsprechend, Revivalmodelle. In den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts bewarb der Piaggio-Konzern die Ape mit dem Spruch: Con Ape sí vola. Mit der Biene fliegt man.

Niemand hier kann in die Zukunft schauen. Es bedeutet sogar ein ausgesprochenes Glück für uns, dass sie uns unbekannt ist. Wir kennen allerdings einen Teil der gegenwärtigen Daten und können versuchen, sie in die Zukunft zu verlängern. Besonders eifrige Datensammler nennen sich dann Seher, was mich an Asterix Band neunzehn erinnert.
Ein Zeuge Jehovas würde sagen: „Die Apokalypse naht.“ Er würde schnell seinen Taschenrechner zücken und aus diversen Bibelstellen geteilt durch die Anzahl von Marias Kindern einen neuen Termin für den Untergang berechnen. Der Tag würde kommen, die Stunde verstreichen und nichts wäre geschehen.
Ein Rosenheimer Porschefahrer würde sagen: „Das scheißt mich nicht an. Hauptsach ich hab kein Tempolimit.“
Viele unterschätzen die Schieflage der Natur und denken: Das geht schon noch. Diese taube, unbeugsame Haltung verschafft ihnen die Möglichkeit, so weiter zu machen, wie bisher. Jeder, der sein Ohr an die Natur legt, weiß seit einem Jahrzehnt, dass es nicht weiter gehen kann wie bisher. Am meisten wird uns sinnfällig, was wir am eigenen Leib erfahren. Wir können beispielsweise die klimatischen Entgleisungen betrachten. Wir haben eine Menge von extremen Jahreszeiten erlebt. Ein Beispiel ist der Sommer 2003, in dem es monatelang dermaßen heiß war, dass man sich nicht bewegen wollte. Die Meteorologen sprachen reflexartig von einem Jahrhundertsommer. Vielleicht war das eine sprachliche Unschärfe, da sie noch im Zwanzigsten Jahrhundert feststeckten. Bedenken wir die nachfolgenden Katastrophen, zum Beispiel den Tsunami vor Japan im vergangenen Jahr und was damit einher ging, vergeht uns sofort das Lachen.
Was genau geschieht, kann ich nicht sagen. Vielleicht erwärmen sich die polaren Randzonen, wie es neuerdings die Klimaforschern behaupten, und die Mitte kühlt ab. Besehen wir die Pflanzen, können wir sagen: Alles blüht um zwei bis drei Wochen früher. Vor siebzig Jahren blühte die Linde ab Mitte Juni, manchmal genau am achtzehnten, wodurch meine Mutter sie als ihr persönliches Geburtstagsgeschenk auffasste. Heute beginnt die Linde Anfang Juni, sich aus dem Fenster zu lehnen. Seit einigen Jahren verlängern sich außerdem die Blühzeiten. Einzelne Pflanzen überschneiden sich in ihrer Blüte, während sie früher aufeinander abgestimmt waren. Vor Jahrzehnten funktionierten das alles wie ein Uhrwerk, während die Pflanzen heute ungeordnet dahin schlingern. Welche Auswirkungen das haben wird, ist mir nicht fassbar. Daran spekuliere ich herum. Möglicherweise zum Beispiel werden bestimmte Pflanzen ungenügend bestäubt, was ihr allmähliches Verschwinden einläutet.
Wir sehen: Vormals kleine Erscheinungen steigern sich in extreme. Ein Winter dauert anstatt drei Monate plötzlich fünf wie zwischen 2004 und 2005. In meiner Kindheit lag im Februar meistens ein halber Meter Schnee, heute türmen sich drei Meter. Ein Sturm fegt nicht kurz, sondern einen Monat. Am einen Tag zeigt das Thermometer eine Temperatur von minus 15° C, am nächsten ist es lau und so geht dieses Gehüpfe drei Monate. Anstatt an einem Tag, regnet es einen Sommer durch und es folgen herbe Überflutungen, die Dämme sprengen. In diesem Jahr ist es nacht lang kalt, meistens drei bis fünf Grad C°. Als es am 25. Februar von einem Tag auf den Anderen Warm wird und tagsüber 29 Grad C° erreicht, blühen die meisten Pflanzen, die bis vor wenigen Jahren hintereinander angeordnet waren, gleichzeitig auf. Die Bienen sind in den Kirschbäumen zu hören. Auf dem Löwenzahn sieht man kaum eine Biene. Die Traubenkirsche, die als Großbaum neben meinen Bienen steht, verliert nach zwei Tagen ihre Blütenblätter. Sie regnen weiß herunter wie Schneeflocken.
Manche sind darüber heimlich zufrieden, andere lehnen sich wohlig in ihren Ohrensessel und sagen: „Ja, ja, die Natur schlägt zurück.“ Genau betrachtet ist das widersinnig. Der Mensch hat wieder auf die Natur eingeschlagen und sie taumelt hilflos.

Die Bienen in der Stadt konnten sich bisher auf die meisten Unwägbarkeiten einstellen. Bei den Bienen ist es nicht so, dass eine launische Königin weniger Eier legt oder die beleidigten Damen weniger Nektar heran schaffen oder eine allgemeine Mentalität des schlaffen Herumlungerns eintritt. Falls ein Bienenvolk in die Knie geht, geschieht das nicht langsam, sondern wie bei einem Händeklatschen.
Die Bienen haben sich in ihrem straff organisierten System weitgehend von der Umwelt unabhängig gemacht. Sie regulieren die für sie wichtigen Faktoren wie beispielsweise den Wabenbau, die Stocktemperatur, die Brut oder den Feuchtigkeitsgehalt des Honigs unabhängig von äußeren Faktoren. Die Königin legt Eier, etwa 1000 Stück am Tag. Die Bienen schaffen sich eine neue Königin, falls die alte verbraucht ist. Im Frühjahr entstehen aus unbefruchteten Eiern die männlichen Bienen. Deren Zweck ist, junge Königinnen zu befruchten. Drohnen sind dick, faul, gefräßig und stachellos. Im Sommer bilden sie unnötige Fresser und werden als Ballast eingestuft. Daher konnten die Bienen ohne die geringste Mutation überleben. Die ersten bestäubenden Insekten wurden für die Kreidezeit nachgewiesen, das war vor 100 Millionen Jahren. Die heutigen Bienen sind insofern den Bienen von vor einer Million Jahren absolut ähnlich.
Wir haben eine Menge geändert: Wir haben alle ehemaligen, natürlichen Lebensräume der Bienen zerstört und ihr Leben damit ganz in unsere Hände gelegt. Wir haben die Varroamilbe, die häufig mutiert, um unseren Giften ein Schnippchen zu schlagen, in ihre Stöcke gebracht und bekämpfen sie seither erfolglos. Die Milbe greift genau dort an, wo die Biene am verletzlichsten ist: in ihrem eigenen System. Unsere Wertschätzung der Bienenarbeit innerhalb der Stadt hat sich gesteigert.

Wo vermuten wir, einem Popstar zu begegnen: Quizfrage, zwei Antworten sind richtig. Erstens Tokio, zweitens Los Angeles, drittens Ampermoching?
Ich kann keine philosophische Antwort auf die Frage geben, was genau einen Popstar ausmacht. Manchmal sitze ich im Burger King und während ich einen Doppelwhopper mampfe und eine Cola schlürfe, schaue ich auf einen der vielen Bildschirme. Was sich dort tummelt, bilde ich mir ein, sind Popstars. Es sind achtzehnjährige Mädchen mit dünnen Stimmen, die auf glitzernden Bühnen hüpfen. Es sind milchbärtige Jungs in zu weiten Hosen, die wild nach unten in die Kamera gestikulieren und sich bemühen, gefährlich auszusehen. In meinen Ohren hört sich das meiste ähnlich an. Was ich empfange ist der hundertste Aufguss eines Aufgusses, über den eine alberne Rapschleife gelegt wurde. Was ich mitnehme ist ein selbstbezüglicher und selbstbezogener Brei von Menschen, die sehr sehr jung sind. Die künstliche Schleife kennzeichnet den Pop. Wollte man alles mit zugleich humanitären wie kunstkritischen Kriterien benennen, was heute sehr gefragt ist, müsste man konstatieren: Diese armen Mädchen und Jungen werden gewaltsam und aus pekuniären Interessen in einer endlosen Acht fest gehalten wie in einem futuristischen Gefängnis. Dieser Loop liegt in den wertvollen Jahren zwischen Pupertät und Erwachsensein. Wollte man es umsichtig ausdrücken, müsste man fragen: Was wird aus all den Jungs und Mädchen, die nach ihrer Lillifeeschleife zu Erwachsenen heran reifen? Werden sie an Tankstellen stehen und Benzin einfüllen oder Romane schreiben oder auf ihrer Veranda sitzen und Schnaps trinken? Ich habe nicht die geringste Ahnung und kann mir für sie keine Zukunft vorstellen. Sitze ich erneut im Burger King und mampfe und schlürfe, höre ich fast dasselbe, sehe aber andere Gesichter. Die vormaligen Helden sind aus dem Universum herausgeschleudert worden. Vielleicht kommen sie eines Tages im wirklichen Leben an.
Für die Bienen kann ich mir eine Zukunft ausdenken.
Bienen sind echt. Ihre Stiche sind echt. Ihre Schleife ist echt. Die Bienen schaffen sich eine neue Königin an, wenn die alte verbraucht ist. Die Königin legt die Eier, aus denen Bienen entstehen. Bienen brauchen keinen Kunstnebel.
Heute gratuliere ich apicultura zu ihrem zwanzigsten Geburtstag. Ich blicke zurück auf zwanzig Jahre imkerlicher Lehrzeit. Wer einmal im Sommer vor einem offenen Bienenstock gestanden hat, weiß, was ich mit purer Energie meine. Man sieht fünfzig- bis siebzigtausend Lebewesen, die alle etwas zu tun haben.
Bienen sind die Popstars der Zukunft.
Der Satz ist ernster gemeint als er klingt. Das ist ja das Gute an diesen Sätzen.


Text: Christoph Scheuerecker 2012